Als Tierärztin erlebe ich es in der Praxis fast täglich: Katzen sind Meister darin, Schmerzen und Krankheiten zu verstecken. Ein Thema wird dabei besonders oft unterschätzt: der Bluthochdruck (Hypertonie). Man sieht ihn der Katze nicht an und genau das macht ihn so gefährlich. Warum die Blutdruckmessung ein absoluter Lebensretter ist und wie sie abläuft, erfährst du in diesem Artikel.
Der „stille Killer“: Ohne Vorsorge oft zu spät erkannt
Bluthochdruck wird in der Tiermedizin völlig zurecht als „stiller Killer“ bezeichnet. Ohne regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen wird er meistens erst dann entdeckt, wenn es eigentlich schon zu spät ist und bereits schwere Organschäden vorliegen. Das liegt darin, dass dich deine Katze sich meist völlig normal verhält, bis der Druck im System so hoch wird, dass irreparable Schäden entstehen.
Warum ist das Messen so enorm wichtig?
Die Blutdruckmessung ist ein schmerzfreies, nicht-invasives Verfahren (vergleichbar mit der Manschette beim Menschen), das deiner Katze nicht wehtut, aber ihr Leben massiv verlängern kann. Wird ein hoher Blutdruck rechtzeitig erkannt, lässt er sich wunderbar medikamentös einstellen.
Bleibt er unentdeckt, drohen dramatische Folgen:
- Plötzliche, irreversible Erblindung (durch Netzhautablösung)
- Schwere Schäden an den Nieren
- Schlaganfälle und neurologische Ausfälle
- Herzüberlastung
Die Ursachen für Bluthochdruck: Wer ist besonders gefährdet?
In den seltensten Fällen entsteht Bluthochdruck bei Katzen einfach so (idopathische Hypertonie). Meistens steckt eine andere Erkrankung dahinter. Die häufigsten Übeltäter sind:
Nierenerkrankungen (CNE): Die Nieren sind maßgeblich an der Blutdruckregulation beteiligt. Sind sie krank, schütten sie vermehrt Hormone aus, die die Gefäße verengen und den Druck steigen lassen. Gleichzeitig schädigt der hohe Blutdruck die Nieren weiter. Es entsteht ein gefährlicher Teufelskreis!
Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose): Kurbelt den gesamten Stoffwechsel und damit auch das Herz-Kreislauf-System extrem an.
HCM (Hypertrophe Kardiomyopathie): Eine Herzerkrankung, bei der der Herzmuskel verdickt ist.
Diabetes mellitus: Zuckerkrankheit.
Conn-Syndrom: Eine Hormonstörung der Nebennieren.
Stress und Aufregung: Führen zu einer kurzfristigen Erhöhung (dazu gleich mehr).
Die Normwerte: Ab wann wird es gefährlich?
Die Werte werden, genau wie beim Menschen, in mmHg (Millimeter Quecksilbersäule) gemessen.
Bei Katzen unterscheiden wir folgende Bereiche:
| Blutdruckwert (systolisch) | Einordnung | Maßnahme |
| 110 bis 140 mmHg | Optimal. Normalbereich | Keine |
| 150 bis 159 mmHg | Leichter Bluthochdruck | Grenzwert. Muss engmaschig kontrolliert werden. |
| Über 160 mmHg | Behandlungsbedürftig | Dauerhafte Werte ab 160 mmHg sollten behandelt werden. Hier müssen wir therapeutisch eingreifen, um Organe zu schützen. |
| Ab 180 mmHg | Zu hoher Blutdruck | Hohes Risiko für lebensbedrohliche Schäden. |
Die Herausforderung: Der „Weißkitteleffekt“
Katzen sind beim Tierarzt gestresst. Durch das Adrenalin schießt der Blutdruck in der Praxis oft künstlich in die Höhe. Das nennen wir den „Weißkitteleffekt“ (Weißkittel wegen der klassischen Kittelfarbe von Ärzten. Allein der Anblick oder das Anfassen durch den Arzt sorgt bei vielen Patienten für so viel Aufregung, dass der Blutdruck in die Höhe schießt. Gilt auch für manche Menschen).
Um Fehldiagnosen zu vermeiden, gehen wir sehr behutsam vor: Die Katze darf in meiner Tierarztpraxis erst einmal ankommen, wir führen immer mehrere Messungen hintereinander durch und bilden daraus den Durchschnittswert. Nur so erhalten wir ein realistisches Bild.
Wie oft sollte gemessen werden?
Um Krankheiten rechtzeitig abzufangen, orientiere ich mich an den offiziellen internationalen Leitlinien (z. B. der International Society of Feline Medicine (ISFM)). Diese empfehlen:
Ab 7 Jahren (Reifere Katzen): Einmal jährlich im Zuge des Routine-Checks, auch wenn die Katze völlig gesund wirkt.
Ab 11 bis 12 Jahren (Senioren): Alle 6 Monate, da das Risiko für Bluthochdruck und Organsschäden in diesem Alter rasant ansteigt.
Bei Vorerkrankungen (wie Niereninsuffizienz oder Schilddrüsenüberfunktion) messen wir die Werte natürlich in deutlich kürzeren Abständen individuell nach Bedarf.

Wie wird gemessen? (Und wo?)
Für die Messung legen wir der Katze eine kleine Manschette an. Das passiert entweder an einer der Vorderpfoten oder an der Schwanzwurzel.
Mein Praxis-Tipp: Ich bevorzuge die Messung an der Schwanzwurzel. Die meisten Katzen machen das deutlich besser mit, da sie ihre Pfoten ungern festhalten lassen und die Rute entspannt hinten liegen bleiben kann (während wir vorne ablenken, z.B. mit einem Schlecki).
Die verschiedenen Messverfahren im Überblick
In der Tiermedizin gibt es drei gängige Methoden. Sie unterscheiden sich stark in ihrer Genauigkeit:
Konventionelle Oszillometrie: Das ist das klassische Prinzip, das man von Human-Geräten für den Oberarm kennt. Bei Katzen ist es leider oft zu ungenau. Es reagiert extrem empfindlich auf Bewegungsartefakte (wenn die Katze z.B. nur minimal zuckt).
HDO (High Definition Oscillometry): Die moderne Weiterentwicklung. Ein spezielles Gerät misst die Pulswelle und analysiert die Kurve millimetergenau über eine PC-Software.
Doppler-Methode: Hierbei wird der Puls über eine Ultraschallsonde und ein hörbares Signal (ein Rauschen/Klopfen) akustisch dargestellt und der Wert manuell ermittelt.
HDO und Doppler sind der absolute Goldstandard in der Tiermedizin.
Ich bevorzuge in meiner Praxis die HDO-Variante, da sie den systolischen, diastolischen und mittleren Blutdruck (MAP) sowie die Pulsfrequenz liefert. Der Doppler liefert bei Katzen zuverlässig nur den systolischen Wert.
Für die Blutdruck-Früherkennung und Routineuntersuchungen bei der wachen Katze (z. B. bei Verdacht auf chronische Niereninsuffizienz oder Bluthochdruck im Alter) bietet HDO deutliche Vorteile, da es stressfreier ist, mehr Daten liefert und die Messung über die Kurve kontrolliert werden kann.
In Krisensituationen, wenn die Katze beispielsweise einen sehr niedrigen Blutdruck hat, kann ein Doppler von Vorteil sein.
Kann man nicht einfach zu Hause messen?
Rein theoretisch wäre das super, weil die Katze in ihrer gewohnten Umgebung ist. In der Realität ist es leider schwieriger.
Frei verkäufliche, erschwingliche Blutdruckgeräte für den Heimbedarf sind für Katzen schlichtweg nicht genau genug. Die Gefahr von falschen Werten ist sehr hoch. Als Trend, wenn man bereits die Werte vom Tierarzt hat messen lassen und zuhause den ungefähren Verlauf im Auge haben möchte, macht es Sinn. Es ersetzt aber keine Messung mit den entsprechenden Goldstandard-Geräten.
Ganz wichtig: Es müssen immer spezielle VET-Geräte sein!
Manchmal fragen mich Halter, ob sie nicht einfach das Blutdruckgerät für Menschen nutzen können.
Die klare Antwort lautet: Nein.
Blutdruckgeräte aus der Humanmedizin sind ungeeignet für unsere Samtpfoten. Sie sind schlichtweg nicht auf die extrem feinen Arterien und Gefäße von Katzen ausgelegt. Zudem ist der Herzschlag einer Katze viel schneller als der eines Menschen. Herkömmliche Geräte können diese Signale überhaupt nicht korrekt verarbeiten und liefern falsche (oder gar keine) Ergebnisse. Daher achte unbedingt darauf, dass es sich um ein VET (für Veterinär, also Tierarzt) Blutdruckmessgerät handelt.
Und nicht vergessen: Blutdruck messen bei der Katze gut trainieren, damit es klappt 🙂
Da mir die höchste Präzision für deine Katze am Herzen liegt, arbeite ich in meiner Praxis konsequent mit dem modernen HDO-Verfahren. Es liefert die verlässlichsten Werte, schließt Fehler durch kleine Bewegungen weitgehend aus und ermöglicht es mir, die Pulswelle deiner Katze ganz exakt zu analysieren.
Vereinbare gerne einen Termin mit deiner Katze.

